Eine junge Familie: Kolping Uruguay

Memo wirft seine güldenen Zöpfe über die Schulter und zählt runter von drei. Auf „los“ kreischen die Kleinen vor Freude. Drei der Kinder haben ebenfalls ulkige Perücken aufgesetzt und drehen sich mit der Stirn an einen bunten Stock gelehnt wild im Kreis. Während sie zu ihren Gruppen zurück taumeln, werden sie von den anderen enthusiastisch angefeuert. Auf der Schaukel wird geschminkt, wer nicht mitspielt. In der Zwischenzeit laden Diego und Florencia Marmeladenbrote und literweise Schokomilch in einen Van. In einem anderen Viertel der Stadt warten noch einmal genauso viele Kinder hungrig auf die Verpflegung nach dem Sport.

Kolping Jugend Uruguay

Die Jugendlichen, die einmal jährlich 100-250 Kinder an einem Wochenende in Florida im Zentrum des Landes bespaßen und betreuen, sind alle Mitglieder von Kolping Uruguay. Sie organisieren sich ebenso in Kolping-Familien und kleinen Gruppen ihrer Dörfer wie auch auf nationaler Ebene. Darüber hinaus kooperieren sie in vielerlei Hinsicht mit den Erwachsenen. Die Besonderheit in Uruguay: Es gibt deutlich mehr aktive jugendliche als erwachsene Mitglieder – Deutschland ist der Umkehrfall. Beides bringt Vor- aber auch Nachteile; in Uruguay sorgt es dafür, dass es stellenweise an Erfahrung oder finanziellen Mitteln mangelt, sicher jedoch nicht an Initiative und Kreativität. Zu den Projekten der Jugend gehören Zeltlager, Kunst- und handwerkliche Workshops, Umweltbildung, Gemeindearbeit, und interkultureller Austausch.

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Auf die Plätze…
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Schminken und Spiele bei den Mini-Rondas 2016.

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Murga-Workshop mit den Jugendlichen aus Florida.
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Die Damen singen die erste Stimme.
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Die Herren die zweite.

Passau

Zum Kolpingtag 2015 beispielsweise schickte Kolping Uruguay eine kleine Delegation nach Köln. Zuvor wurden sie herzlich von ihrer Partnerfamilie in Passau aufgenommen. Auf beiden Seiten strahlen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch bis heute über beide Ohren, wenn man sie auf den Anderen anspricht. Der Jugendreferent der Passauer, Klaus Herrndobler, schwärmt vom letzten Besuch im zweitkleinsten Land Lateinamerikas, ist überwältigt von der Herzlichkeit seiner Gastgeberinnen und Gastgeber und organisiert so oft er kann Jugendaustausche nach Uruguay. Agustín Aishemberg, Vorsitzender in Montevideo, und Emiliano Santa Cruz, Präsident der uruguayischen Kolpingjugend, sind nicht minder begeistert von ihren Schwestern und Brüdern in Bayern und Köln. „Wir wollen, das Klaus nach Uruguay zieht“, sagen sie. Zur Zeit planen einige von ihnen eine Reise durch Deutschland.

Treffen mit dem Botschafter

Im März kamen alle Kolping-Familien Uruguays zusammen, um Markus Demele, Bundessekretär und Vorstandsmitglied von Kolping International zu empfangen. In einem intensiven Austausch präsentierten die Delegierten Duraznos, San Josés, Montevideos, Flores, Colonias, Los Cerillos, Riveras, Tacuarembós und Floridas ihre Arbeit und hatten im Gegenzug Gelegenheit, von den Projekten in Deutschland zu erfahren. Themen von großem Interesse waren zudem vor allem die Mitgliederstruktur und -akquise, das Selbstverständnis der Organisation sowie der Vergleich mit dem deutschen Verband, der weltweit die meisten Mitglieder zählt. Für mich, der auf das Treffen als Besucher und Ehrengast eingeladen worden war und schließlich spontan gefragt wurde, für Markus zu übersetzen, war es eine interessante Möglichkeit, intime Einblicke in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gedankenwelt und Handlungsweise beider Kolpingwerke zu erhalten. Ein Höhepunkt war die Einladung des deutschen Botschafters in Montevideo, die Platz bot, sich als Organisation zu präsentieren, zu vernetzten, Finanzierungsmöglichkeiten zu diskutieren und neue Kontakte zu knüpfen.

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Zu Besuch bei den Mitgliedern

Von Anfang an wurde ich herzlich und familiär von den Kolping-Mitgliedern empfangen und überall hin eingeladen. Während des Semesters hatte ich so die Möglichkeit, weite Teile des Landes und viele Projekte der Mitglieder kennenzulernen. Anbei einige Eindrücke:

Durazno

Durazno bedeutet Pfirsich im Río de la Plata und ist Hauptstadt eines gleichnamigen Departments. Einst eine durch die Eisenbahn reiche Handelsmetropole, ist Durazno heute eine auf den ersten und zweiten Blick idyllische Stadt. Dieses Jahr im Sommer standen jedoch einige Stadtviertel auf dem Kopf im Zuge der Rondas der Kolping Jugendlichen.

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Die historische Brücke der Altstadt ist geschlossen, theoretisch.

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Durazno fällt immer wieder Überschwemmungen zum Opfer. Wenn das Wasser geht, bleibt der Müll
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Der Friedhof ist benannt nach einem Hund, der nach Ableben seines Besitzers für den Rest seiner Tage am Eingang wartete.

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Das Denkmal enthält eine Zeitkapsel, die nur alle 100 Jahre geöffnet wird.

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Überall am Straßenrand werden Chivitos verkauft.
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DB + Totenkopf?!

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Das Eisenbahnnetz Uruguays ist lange schon außer Betrieb.

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Im Sommer tummeln sich die Urus und die Touris wie die Sardinen gedrängt am Strand des Campingplatzes.

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Los Cerillos

Los Cerillos ist ein kleiner, verschlafener Ort kurz vor Montevideo im Department Canelones.

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Das ganze Haus in Blau. Hier wohnen Fans von Nacional, einem der beiden größten Fußballclubs des Landes.
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Einige Meter weiter alles in Schwarz-Gelb. Nicht BVB, sondern Peñarol-Fans. Der Erzrivale von Nacional.

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Florida

Auch Florida ist gleichnamige Departamentshauptstadt. Der Ort ist keine 100km von Montevideo entfernt und liegt am Fluss Río Santa Lucía Chico.

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Verlassener Bahnhof.
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Blick auf die Kathedrale.

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Tacuarembó

Tacuarembó ist die kleine Hauptstadt des gleichnamigen Departments im Norden des Landes. Viele sehen den Ort, der einmal jährlich die berühmte Patria Gaucheska ausrichtet als eine der Wiegen des uruguayischen Cowboys. Auch die Innenstadt hat eher dörflichen Charakter und bietet viele Ausflugsmöglichkeiten in die Natur.

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Spielnachmittag mit den Kindern.
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Messe zum 50-jährigen Jubiläum der Pfarrei.
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Das Haus der Kolping-Familie.
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Basteln mit den Kolping-Minis.
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Ein Teil der Kolping-Jugend.

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Tacuarembó ist fußballberückt wie der Rest des Landes. Ferro spielt aber leider momentan drittklassig.

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Die niedrige aber verzweigte Höhle wurde während der Militärdiktatur von den Tupamaros als Versteck genutzt.

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An die vorderen Badeseen kommen vor allem Familien mit Kindern und Jugendliche.

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Die weiter im Hinterland gelegenen, werden kaum aufgesucht.

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Bildung und Jugend

Die Handlungsmaxime des kerpener Gründervaters Adolph Kolping, der sich vor allem während der industriellen Revolution in Deutschland für die Verbesserung der Lebensverhältnisse junger Handwerksgesellen einsetzte, dient auch den Kolping Familien Uruguays bis heute als Vorbild. In der Hauptstadt betreibt Kolping eine Hotelschule, in der unter anderem universitäre Abschlüsse im Tourismusbereich abgeschlossen werden können, sowie ein technisches Institut, das Jugendlichen Arbeitsperspektiven vermittelt. In Tacuarembó, tief im Norden, werden Koch-, Bäckerei-, Friseur-, Schneiderei-, Tischlerei und weitere handwerkliche Kurse zur Fortbildung angeboten. Vor allem (alleinstehende und alleinerziehende) Frauen profitieren direkt von den Angeboten, die die finanzielle Unabhängigkeit von Männern bedeuten können. In Durazno begleiten Freiwillige Kinder von inhaftierten Müttern ins Gefängnis. Die Jugendlichen in Los Cerillos arbeiten zur Zeit intensiv am Aufbau eines Gemeindezentrums und unterstützen die Schulen mit Zusatzangeboten.
Nicht zuletzt setzt sich Kolping im ganzen Land verstärkt für den Abbau häuslicher Gewalt, die bedingungslose Unterstützung derer Opfer und ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft ein.

Kolping und die Familie

Darüber hinaus vertritt Kolping, auch in Uruguay, als katholischer Sozialverband ein christlich geprägtes Familienbild, das die Ehe von Mann und Frau vor Gott in den Vordergrund stellt. Dieser Aspekt ist besonders in dem laizistisch geprägten Uruguay spannend. Während das Leitbild meiner eigenen Erfahrung nach in Deutschland zuweilen mit der Lebensrealität vieler Menschen kollidiert und zu Diskussionen vor allem mit Außenstehenden führen kann, wird der Begriff „Familie“ in Uruguay weniger mit religiösen Diskursen assoziiert, sondern in erster Linie als Kolping-Familie, also als Gemeinschaft, Schutz und Solidarität unter Gleichgesinnten verstanden.

Ethnokino: Viacrucis Migrante

Als gelungenen Abschluss unserer gemeinsamen Arbeit, konnte ich im Juni schließlich noch einen anthropologischen Filmabend organisieren. Kolping bot uns generöser Weise ihre Räumlichkeiten, Technik sowie Verpflegung zur Verfügung und gemeinsam mit tatkräftiger Hilfe der Casa Bertolt Brecht sowie Unterstützung der Friedrich Ebert Stiftung Uruguay (FESUR) wurde es ein gelungener Abend. Wir zeigten den Dokumentarfilm „Viacrucis Migrante“ des hamburger Ethnologen und Regisseurs Hauke Lorenz, in dessen Folge sich eine interessante Diskussion über die Themen Migration und Arbeit entwickelten. Ich werde die Zusammenarbeit mit den uruguayischen NGOs vermissen und bedauere etwas, nicht mehr Zeit neben dem Studium für weiteres Engagement gehabt zu haben. Jeder und jedem, die oder der nach Uruguay reist, kann ich nur empfehlen, sich selbst von der genialen sowie nachhaltigen Arbeit der oben genannten Organisationen zu überzeugen.

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