Itaipú hell erleuchtet

Größter Stromerzeuger der Welt

Eine knapp 200 Meter hohe und fast 8000 Meter lange Staumauer, 18 Turbinen, ein Stausee zweieinhalb Mal so groß wie der Bodensee, der jährlich etwa 95 Terawattstunden Strom erzeugt. Die Rede ist vom binationalen Gigaprojekt Itaipú zwischen Brasilien und Paraguay. Brasilien unter Präsident Médici bezahlte in den Siebzigern den Löwenanteil der Kosten, Paraguay unter dem deutsch-paraguayischen Diktator Stroessner stellte seine natürlichen Ressourcen zur Verfügung. Heute bezieht Paraguay etwa 75 Prozent, Brasilien immerhin 17 Prozent ihres gesamten Strombedarfs aus Itaipú.

Itaipú – der Ideale Familienausflug an Ostern

Keine halbe Stunde Fahrt von Ciudad del Este entfernt liegt der Ultrastaudamm. Wir machten uns am Samstag-Abend auf den Weg, da Itaipu mit einer phänomenalen Beleuchtungs-Show warb. Angekommen warteten wir ewig lang auf den Eintritt und wurden dann auf dem Gelände noch einmal anderthalb Stunden vertröstet. Die Zeit sollte uns eine Mariachi-Band, die den Namen nicht verdient, mit musikalischer Beschallung versüßen. Sie vermochte es, in Akkordgeschwindigkeit schaurig-schmalzige Euroschlager noch weiter zu verunglimpfen – sichtlich zur Freude einiger Besucher, die die Besichtigung eines gigantoesken Staudamms in der Nacht des Ostersamstags offensichtlich für den idealen Familienausflug hielten und ihre Kleinkinder wie Puppen zur Musik klatschen und Tanzen ließen.

Zynische Untermalung einer schaurigen Inszenierung

Schließlich wurden alle Schaulustigen in drei Dutzend Busse verladen und im Dunkeln zu einer windigen Tribüne gefahren. In der Ferne waren die Umrisse eines Staudamms nur zu erahnen. Es gab eine jauchzende Empfangsrede auf Spanisch und Portugiesisch, dann setzte in ohrenbetäubender Lautstärke pathetische Musik ein, die wie eine schlechte Kopie von Requiem for a Dream anmutete. Musikwahl sowie Atmosphäre der Präsentation wirkten auf mich beißend spöttisch in Anbetracht der Tatsache, dass für den Bau des bis 2006 größten Wasserkraftwerkes der Welt 40.000 Indigene zwangsumgesiedelt wurden, 145 Arbeiter ihr Leben ließen, große Flächen subtropischen Regenwaldes abgeholzt wurden und noch viel enormere Flächen ebenso in den Fluten verschwanden wie die spektakulären Wasserfälle Sete Quedas – um nur die rekordverdächtigsten Folgen des Baus zu nennen.

Drama, Licht und Selfies

Zu den wummernden Bässen und aufschwingenden Geigen aus der Retorte wurden völlig asynchron vier grüne Scheinwerfer der Staumauer hoch und runter geregelt. Zwei Minuten der theatralischen Geräuschkulisse später war der gesamte Damm ausgeleuchtet. Zum Grande Finale wurden alle Fenster eines Verwaltungsgebäudes einzeln angeschaltet, dann war die in der Tat schöne Aussicht frei. Plötzlich sprang auch auf der Tribüne das Licht an, über die Lautsprecher wurde zum Fotografieren aufgefordert und schon war der Selfie-Wut des Publikums kein Einhalt mehr geboten.

Blendende Selbstinszenierung

Der Spuk war genauso schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Licht aus, Gäste in die Busse, Abfahrt. Als die Busse am Fuße der immensen Staumauer entlangfuhren, musste ich mir ausmalen, was wohl passiert, wenn der Damm einmal brechen würde. Ich hatte nicht den Eindruck, als hätte irgendjemand der Anwesenden im Geringsten reflektiert, wovor sie oder er eigentlich fünf Minuten zuvor Grimassen geschnitten und ein Selbstportrait geschossen hatte. Den Verantwortlichen von Itaipú muss zu Gute gehalten werden, dass sie das Projekt mit einer ungewöhnlichen Transparenz betreiben. Zwar handelt es sich sowohl bei den Führungen, als auch bei sogenannten ökologischen Kompensationsprojekten (beispielsweise kleine Naturschutzgebiete in der Umgebung oder Entschädigungszahlungen an die Grenzgemeinden) um eine kostenintensive Form von blendender Selbstinszenierung, aber die Berichte, politischen Dokumente und technischen Daten rund um den Staudamm geben die staatlichen Betreiber zum Download frei.

Traurig-lustig

Ich komme nicht umhin, mich immer zu fragen, wie kann die Mehrheit aller Menschen die ökologische, soziale und kulturelle Folgenschwere eines Eingriffs in die Natur mit solchen Ausmaßen derart ignorieren? Bei den wenigen, die persönlich, finanziell und machtpolitisch daran verdienen, ist die Frage obsolet. Aber die Bevölkerung Paraguays und Brasiliens, die internationalen Gäste, die Angestellten? Als einzigen Erklärungsansätze bleiben mir ein Mangel an Information, gezieltes Ausblenden jedweder Fakten und vor allem die wirtschaftliche Notlage der Länder und vieler ihrer Haushalte. Immerhin, die Marketingabteilung Itaipus scheint meine kritische Betrachtungsweise auf ihr Projekt zu begrüßen und liked als einer der ersten meinen Instagram-Post…

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