Im Bus nach Asunción

Ein Weihnachtswunder an Ostern.

Wer schon einmal in Lateinamerika Bus gefahren ist, weiß, in der Regel ist es das am besten vernetzte und günstigste Verkehrsmittel. Oftmals Personen-, Tier- und Pakettransport in einem, wird jede Fahrt auf der Wiederholspur zum durchrüttelnden Erlebnis. Während in ihrem Inneren abwechselnd Temperaturen zwischen Sauna und Gefrierhaus herrschen, bringen die Vehikel, die nicht selten als Oldtimer durchgehen würden, ihre Fahrgäste, egal, ob es draußen stürmt oder regnet, bergauf bergab unter ächzenden Bremsen ans Ziel.

Die beste Reise Ihres Lebens

Eine Erfahrung der ganz anderen Art bot uns – das heißt Manuel (aktueller Praktikant bei Kolping Uruguay) und mir – zur großen Überraschung unsere Fahrt von Montevideo nach Asunción mit EGA. Das Busunternehmen bedient als einziges Strecken zwischen Uruguay und Paraguay und verlangt daher stolze Preise, die Busse sind dafür aber vergleichbar luxuriös wie die Businessclass im Flugzeug. Wir brauchten lange 24 Stunden für die Fahrt, wurden unterwegs jedoch überreichlich mit Snacks, Drinks und Filmen versorgt, sodass die Zeit vergleichsweise zügig verging. Die größte Überraschung war der äußerst moderate Einsatz der Klimaanlage! Außerdem wurde darauf geachtet, dass wir genügend Schlaf bekamen, also wurde weder laute Musik gespielt noch mit dem Licht an Bord experimentiert. Dass ich nun einen ganzen Absatz über ein Busunternehmen verloren habe, zeigt, wie erfreut und dankbar ich über diese positive Überraschung war, denn ich habe unterwegs schon ganz anderes erlebt. Der Werbespruch der Firma „El mejor viaje de su vida“ („Die beste Reise Ihres Lebens“) verspricht auf Fernbustransport bezogen kaum zu viel.

Noch mehr positive Überraschungen

Zudem gestalteten sich die Grenzübergänge Uruguay, Argentinien, Paraguay als derart angenehm und unkompliziert, wie in Lateinamerika selten der Fall. Fünf Minuten Wartezeit, Blick auf den Pass, Blick ins Gesicht, Stempel, fertig. Nicht einmal eine Gebühr wurde erhoben. Die eine oder der andere Grenzbeamte hatte sogar noch ein Lächeln oder ein „Gute Reise“ auf den Lippen. Verkehrte Welt.

Asunción im Regen

Gegen Mittag kamen wir also in Paraguays Hauptstadt an, die uns mit einem Wolkenbruch empfing. Schon auf der Hinfahrt hatten sich die Himmelsschleusen geöffnet und damit die ohnehin leuchtend grünen Graslandschaften Süd-Paraguays noch satter strahlen lassen. Die lehmigen Feldwege schimmerten rötlich dazwischen. Unfreiwillig gebadete Kuhherden und Pferde ließen sich von den Unmengen an Wasser nicht beeindrucken. Anders die Bewohner Asuncións. Die meisten schienen ohnehin über Ostern verreist, der Regen tat wohl sein Übriges. Alle Straßen waren wie leer gefegt, das Gros der Geschäfte an diesem Gründonnerstag geschlossen.

In einer Stunde durch die Stadt

Wir bezogen unser gemütliches Hostel Black Cat im Zentrum und unternahmen einen Stadtspaziergang. Der Kern von Asunción ist nett, aber sehr überschaubar. In unter einer Stunde hatten wir alle touristischen Glanzlichter abgelaufen und dabei kaum einen anderen Menschen getroffen.

IMG_4940

IMG_4942

IMG_4947

IMG_4950

IMG_4939

IMG_4955

IMG_4964

IMG_4943

IMG_4949

IMG_4946

IMG_4951

IMG_4952

Ausflug nach Luque

Ebenso unfruchtbar war ein bescheidener Ausflug (immerhin in einem „richtigen“ lateinamerikanischen Bus samt Raeggeton, Schlager-Schnulzen von Maná und Geruckel) ins kleine Städtchen Luque bei Asunción. Der Ort ist normalerweise bekannt für sein Gold- und Silberhandwerk sowie die Herstellung hochwertiger Saiteninstrumente. Als wir ankamen, waren alle Bürgersteige aber längst hochgeklappt, nur die katholische Kirche hingegen platzte aus allen Nähten. Bis weit vor die Tore standen die Gläubigen, selbst ein Blick hinein in das Gotteshaus war kaum möglich.

IMG_4968

IMG_4971

Katholisches Paraguay

Wir bekamen einen Eindruck von der Verteilung der Religionen in Paraguays Gesellschaft: Knapp 90 Prozent der Menschen ist römisch-katholisch, mehr als 6 Prozent protestantisch, evangelikale Glaubensgemeinschaften gewinnen zunehmend an Bedeutung. Judentum und Islam hingegen spielen in Paraguay lediglich bei den zugewanderten Juden und Libanesen eine Rolle und obwohl der Staat Guaraní als zweite offizielle Amtssprache hat, die noch bis in die Achtziger weitaus mehr Menschen beherrschten als Spanisch, werden indigene Religionen kaum noch praktiziert.

IMG_4957

Asuncións Altstadt Loma San Jerónimo

Zurück in Asunción wollten wir die „Altstadt“ Loma San Jerónimo nahe dem Hafen noch anschauen. Angepriesen wurden pittoreske Häuser, enge Gassen und traditionelles Essen; an Ostern gar gemäß dem letzten Abendmahl. Angekommen, wer hätte es inzwischen gedacht, war kein Mensch auf der Straße. Dafür ein schlechtgelaunter Hund, der uns eine Runde im Nieselregen jagen wollte. Nachdem die Situation entschärft war, kamen wir an den geschmückten Hauptplatz. Aber selbst an den schönsten Stellen zerstörte das sterile Licht die Farbgebung der buntbemalten Häuser.

IMG_4994

IMG_4974

IMG_4993

Ein unchristliches Weihnachtswunder an Ostern

Immerhin, in einem Getränkemarkt waren die Rollläden hochgelassen. Wir fragten den Ladenbesitzer nach einer Möglichkeit, Essen zu gehen, woraufhin er nur schmunzelnd den Kopf schüttelte. Da wirklich alles geschlossen hatte und er uns unsere Müdigkeit wohl deutlich ansah, fand er es in seinem Herzen, uns als seine „Spezialgäste“ aufzunehmen. Eine Art Weihnachtswunder an Ostern geschah: Er gab uns ein eiskaltes Bier und tauchte kurz in seinen Innenhof ab, um mit zwei riesigen Steaks und zwei saftigen Koteletts wiederzukommen. Die Familie machte gemeinsam mit Freunden gerade eine große Parillada (Grillveranstaltung, bei der Unmengen Fleisch meist auf einer zum Feuerholzgrill umgebauten Öltonne zubereitet werden) im Zuge eines Spiels der Nationalmannschaft gegen Ecuador. Auch wenn Manuel und ich eigentlich keine großen Karnivore sind (eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit im Rió de la Plata Gebiet!) und in einer perfekten biblischen Geschichte über die Fastentage wohl weder Bier noch Steak vorkommen dürften – es war ohne Übertreibung das wohl leckerste Grillfleisch, was wir je gegessen haben und unser Abend endete doch noch himmlisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.