Iguazú: Wo der Horizont verschwimmt

Argentiniens schneeweißer Kessel.

Wir sitzen auf klapprigen Stühlen aus gespannten Wäscheschnüren mitten auf der Straße in Ciudad del Este, wo sonst reges Markttreiben herrscht. Heute am späten Abend des Ostersonntags sind alle Stände wie die Bürgersteige hochgeklappt. Um uns herum hupen Autos, knattern Motorräder und von Zeit zu Zeit rennen einzelne Passanten vorbei.

Eine warme Mahlzeit und ein kühles Bier

Die Strecke führt bergab geradewegs auf die brasilianische Grenze zu. Die Abenddämmerung hatte noch einen Ausblick über den Río Paraguay bis auf die andere Seite erlaubt. Nun tauchen in beiden Grenzgebieten die gleichen Straßenlaternen ihr Umfeld in ein aussichtsloses Oka. Unsere Füße schmerzen, die Beine sind schwer vom vielen Gehen. Es ist einer dieser Abende, an denen eine warme Mahlzeit und ein kühles Bier genügen, um wahres Glück zu erfahren.

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Geschichten, die das Leben schreibt

Die Grillmeisterin erzählt einen Witz, über den sie selbst am lautesten lacht. Eine Zahnlücke sowie ein Silberzahn nehmen ihrem Lächeln nichts von seiner Wärme. Sie dreht die Chorizos (rustikale Bratwürstchen) auf der glühenden Kohle und fächert eifrig mit einem Stück Karton. Um die Luftzufuhr nicht zu unterbrechen, fährt sie einhändig fort, als sie mit der anderen nach dem zweiten Bier greift, auf das sie sich selbst eingeladen hatte. Noch immer vergnügt über die Anekdote schlürft sie ein Drittel der kleinen Pulle durch einen Strohhalm, dann fallen ernstere Töne an. Sie berichtet von ihrem Mann, der sie samt ihrer Töchter verlassen hat und nach Brasilien floh, weil er in Paraguay polizeilich gesucht wurde. Die Flucht blieb erfolglos. Sie erzählt auch davon, dass sich die Töchter nie mit ihrem inzwischen illegal in Argentinien lebenden Vater vertragen haben. Sie konzentriert sich lieber auf die positiven Seiten der Geschichte. Zum Beispiel, dass ihre 17-Jährige sie unlängst zur stolzen Oma gemacht hat. Ob wir noch mehr Maniok wollen? Klar. Sie fragt uns nach den Iguazú Wasserfällen.

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Erster Halt: Puerto Iguazú

Am frühen Morgen waren wir von Ciudad del Este aufgebrochen. Busse der Firma Río Uruguay fahren regelmäßig nach Puerto Iguazú auf der argentinischen Seite des binationalen Naturwunders. Das heißt, eigentlich sollten sie das. Angeblich aufgrund der unterschiedlichen Zeitumstellung der Vornacht machten sie das jedoch nicht. Und so verloren wir ärgerlicher Weise wertvolle Stunden, in denen wir uns derweil mit dem Verzehr von Empanadas beschäftigten.

Illegale Einreise

Als der Bus schlussendlich ankam und die Hinfahrt begann, bekamen wir es mit der Angst zu tun, als der Fahrer schnurstracks sowohl an der paraguayischen als auch an der brasilianischen Grenze vorbeifuhr, ohne einmal anzuhalten. Als offiziell zwei illegal Eingereiste war uns ganz schön mulmig zumute bei der anschließenden Kontrolle an der argentinischen Grenze. Die Beamten musterten uns kurz. Hinter ihrem Schalter prangte ein Schild mit der Aufschrift: „Argentinia – somos buena gente“ (etwa: Argentinien, wir sind in Ordnung / nette Leute). Ich betete innerlich, dass sie ihrem selbstverpassten Image gerecht würden, da schnellte auch schon der Einreisestempel auf meinen inzwischen kunterbunten Reisepass. Eine lächelnde Migrationsbeamtin reichte mir mein Ausweisdokument zurück. Ich versuchte krampfhaft, das Lächeln zu erwidern. Ihr muss sich ein kläglicher Anblick geboten haben.

Nationalpark Iguazú

Über Puerto Iguazú fuhren Anschlussbusse zum Nationalpark. Das Areal ist riesig und bietet mannigfaltige Möglichkeiten, die Wasserfälle aus diversen Perspektiven zu betrachten. Die Wanderwege sind allesamt hervorragend in Schuss gehalten und ermöglichen selbst Gehbehinderten und Eltern mit Kinderwagen ein problemloses Passieren. Außerdem wartet der Park Iguazú mit einer kleinen Eisenbahn auf, die Fahrgäste bis zum Obersten Rand des Geländes befördert.

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Von der Welt verschluckt

Von dort bietet sich ein atemberaubender Blick auf die pompösen Wasserfälle, die einen schneeweißen Kessel aus aufgewirbeltem Wasser bilden. Immer wieder stobt ein starker Schwall Wasser auf und durchnässt die Schaulustigen beim Herunterfallen in Form von feinem Sprühnebel. Es lohnt, einen Moment innezuhalten. Bei längerer Betrachtung scheinen Himmel und Wassermassen ineinander überzugehen. Unter monotonem Brausen verschwimmt förmlich der Horizont. Es wirkt, als fielen die beeindruckenden Kaskaden ins Nichts, als würde die Welt sie verschlucken. Überall entlang der Hänge unterbrechen tropische Pflanzen den Wasserschwall und brechen ihn in Dutzende kleine Sturzbäche. Wenn die Sonnenstrahlen im richtigen Winkel einen Sprühnebel kreuzen, ist der ganze Kessel von einem schillernden Regenbogen überzogen. Auch von anderer Stelle bietet sich den Augen ein erhabenes Naturschauspiel. Im Park bieten zudem Pezotes (Nasenbären) ebenso eine Attraktion wie Myriaden farbenfroher Schmetterlinge, die teils in Schwärmen über die Wanderwege schwirren.

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So nah und doch so fern

Unsere Würstchenverkäuferin staunt. Die Wasserfälle würde sie auch gerne einmal anschauen, schwärmt sie. Sie wohnt keine zwei Stunden davon entfernt, wie die Mehrheit der armen Bevölkerung Ciudad del Estes hat sie das Naturwunder vor ihrer Haustür jedoch noch nie gesehen. Ob wir noch ein Würstchen wollen? Klar.

Ein wichtiges Stück Papier

Wir sind froh, dass es mit den Grenzübergängen auch auf dem Rückweg reibungslos funktioniert hat. Wir ließen und vom Fahrer an der Zollkontrolle absetzen und entschieden, noch eine freiwillige Ein- und Ausreise nach Brasilien zu unternehmen. Dass wir für den halbstündigen internationalen Ausflug spöttische Blicke der Grenzbeamten ernteten, war uns egal. Schon irrsinnig, wie ein buntes Stempelbuch über den Wert und das Schicksal eines Menschen in der Welt entscheiden kann, dachte ich.

Der perfekte Ausklang

Ausgehungert und müde trafen wir auf dem Rückweg auf unsere Straßenparillada. Ob wir noch ein Bier wollen? Klar. Unsere Grillexpertin nimmt sich flux auch noch eines. Ob ich sie nicht heiraten würde? Klar. Sie lacht, ein vorbeigeschlenderter Wachmann hatte die Idee aufgebracht und dann mit Nachdruck dafür geworben. Wir bedanken uns für das gute Essen. Der Alkohol und ein voller Magen steigern unsere Müdigkeit inzwischen. Ob sie ihrem Freund, der Taxifahrer ist, bescheid sagen soll, dass er uns ins Hostel fährt? Klar.

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