Fray Bentos

von einer Anlegestelle zum internationalen Industriestandort

Mein Blick schweift über rostige Kühlbehälter, Dampfräder, verstaubte Manometer, gusseiserne Pressen, ausladende Förderbänder und Haken, beinahe so groß wie ich selbst. Mit Albrecht, Eva und Johannes Winter, Mitbegründer der TAZ und freier Journalist, stehe ich in der imposanten Fabrikhalle von ANGLO in Fray Bentos.

Das einst sehr arme Hafenörtchen, das die meisten höchstens durch Jorge Luis Borges‘ Kurzgeschichte Funes el memorioso kennen, mauserte sich im Zeitalter der industriellen Revolution zu einer hochmodernen,
aufblühenden Metropole von internationalem Ausmaß.

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Fray Bentos und ein Chemiker aus Darmstadt

Dies verdankt die heutige Hauptstadt des Departements Río Negro einem in Europa nach wie vor berühmten Chemiker aus Darmstadt. Die Rede ist von Justus Liebig, der später geadelt wurde. Liebig verfeinerte im 19. Jahrhundert alle bestehenden Rezepte für „portable soup“ und erschuf eine Formel, mit der aus 32kg magerem Rindfleisch 1kg reines, konzentriertes Fleischextrakt gewonnen werden konnte. Anfangs wurde das Produkt vor allem zur Ernährung von Typhus- und Cholera-Kranken angewandt, war jedoch für die Mehrheit der Bevölkerung nicht bezahlbar, denn die Fleischpreise in Deutschland waren schwindelerregend hoch.

Rinder soweit die Pampa reicht

Dies brachte den deutschen Ingenieur Georg Christan Giebert, der in Lateinamerika arbeitete, gute Beziehungen nach Uruguay pflegte und der zudem Liebigs Annalen gelesen hatte, auf die Idee, in Fray Bentos auf Masse zu produzieren. Denn Uruguay hatte einen Überschuss an Rindern, die primär wegen ihrer Haut und ihrer Hörner gehalten wurde. Da es auch noch keine Kühlmöglichkeiten gab, konnte das Fleisch nicht exportiert werden, ganze Kadaver wurden den Geiern zum Fraß vorgeworfen.

Fleischextrakt von LEMCO wird zum weltweiten Exportschlager

Liebig stimmte Gieberts Vorschlag zu und gemeinsam mit Kapital aus Belgien sowie Maschinen aus England begann die Produktion in Fray Bentos im Jahre 1862, die alle Teile des Rindes verarbeitete. Liebigs Extrakt wurde insbesondere für die Truppenverpflegung in europäischen Kriegen eingesetzt, fand aber zunehmend auch im Alltag der Menschen Anwendung. Innerhalb kürzester Zeit entstand aus einer revolutionären Idee die Liebig’s Extract of Meat Company Limited“ (LEMCO).

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Industrielle Massenproduktion made in Fray Bentos

Die Firma besaß in ihrer Hochphase ein Gelände nebst Viehweiden von 520.000 Hektar Land und beschäftigte zwischen 4000 und 5000 Arbeiter. Darunter waren besonders viele Deutsche und Engländer, die unter anderem auch in Fleischextrakt bezahlt und strengstens kontrolliert wurden. Jährlich wurden neben zunehmend anderen Produkten wie Brühwürfel, Corned Beef oder Dünger weiterhin 478t Fleischextrakt aus 224.406 geschlachteten Tieren hergestellt, ehe Produktion und Export im Laufe des ersten Weltkrieges versiegten.

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Das Museum für Industrielle Revolution

Wir wandern an diesem heißen Tag die verfallenen Fabrikhallen ab und bekommen alles im Detail erklärt. ANGLO in Fray Bentos wurde kürzlich zum UNESCO Welt-Industrieerbe erhoben. Johannes macht fleißig Notizen, er will einen Artikel für die FAZ schreiben. Die Ruinen haben einen morbiden Charme. Still, harmlos, fast malerisch wirken die Überbleibsel heute, wenn die Sonne durch oxidierte Dachstreben fällt und einen gescheckten Schatten wirft. Die Ankunftsrampe zeugt noch davon, wie alle fünf Minuten ein Rind von Hand geschlachtet wurde, ehe es zerteilt und über Haken durch den Produktionsprozess transportiert wurde. Die Türen der Kühllager sind meterdick. Aus manchen Industriemaschinen ranken zarte Farn-Pflänzchen.

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Mehr Kühe als Menschen

Ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen, dass die alte Anlage heute eine perfekte Hipster-Partylocation wäre. Bloß wo sollen die (jungen) Leute im Umland zum Feiern herkommen? Uruguay, das etwa halb so groß ist wie Deutschland, hat 3,4 Millionen Einwohner, 92 Prozent davon leben in Städten, davon 40 Prozent allein in Montevideo. Auf dem Land gibt es also weit und breit kaum Bevölkerung, Kühe einmal ausgenommen, von denen es dafür drei Mal so viele gibt wie Menschen.

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Verschlafenes Fray Bentos

Nach einer geraumen Weile verlassen wir das Museum und Picknicken im Hafen an der alten Anlegestelle, ehe wir noch eine Rundfahrt unternehmen. Uns zeigt sich ein ansonsten verschlafenes Städtchen mit Kirche, idyllischem Vorplatz und sehenswerter Uferpromenade. Besonders schön ist der Campingplatz Ubici, am gleichnamigen Sandstrand. Er bietet ein bizarres Zusammenspiel aus Natur und Kultur: In der Nacht ist der Himmel erfüllt von Sternen und in der Ferne, am anderen Ende des Flusses, wirft die einzige Cellulose-Fabrik Uruguays Lichtreflexionen auf das Wasser.

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Camping mit Blick auf Argentinien

Der paradoxen Ästhetik nicht genug, akzentuieren die Farben des Sonnenaufgang am Morgen die Dampfschwaden der Fabrikschornsteine. Am gegenüberliegenden Ufer wird der Blick frei auf die internationale Brücke zwischen Uruguay und Argentinien. Immer wieder kommt es hier zu Demonstrationen argentinischer Umweltschützer gegen die Industrieanlage des Nachbarlandes. Ich erschrecke mich, als plötzlich völlig unvorhergesehen ein Pferd im Wasser auftaucht und in Seelenruhe an mir vorbei schwimmt. Fray Bentos ist auf jeden Fall ein besonderer Ort.

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