Esperándote: Wir warten auf dich

Ein Bild und seine Geschichte

Amalia Mercader ist 94 Jahre alt. Seit knapp vierzig Jahren leben sie und ihre Familie in Ungewissheit über den Verbleib ihres Sohnes Carlos. Er ist einer von vielen Jugendlichen, die während der Diktatur spurlos verschwanden.

Verschwunden: Wenn Hoffnung zur Folter wird

So wie Amalia und ihren Angehörigen geht es vielen Familien während der Diktatur. Jeder junge Mann, der sich im Widerstand bewegt, der so wie Carlos Flugblätter verteilt, begibt sich in die Gefahr, verschleppt, eingesperrt, gefoltert und ermordet zu werden. Nicht wenige Gefangene werden aus dem Flugzeug über dem Río de la Plata abgeworfen. Was die Hinterbliebenen auch nach all den Jahren noch quält, ist die Ungewissheit. Was ist mit meinem Kind geschehen? Ist mein Sohn tot? Lebt er noch? Wo ist seine Leiche? Diese und ähnliche Fragen stellen sich die Hinterbliebenen immer und immer wieder. Wo Hoffnung zur Folter wird, schließen sie sich zusammen und setzen sich politisch aktiv für die Aufklärung und Bestrafung der Verbrechen ein.

Urugate: Seit je her aktuell

Das Thema ist leider noch immer brandaktuell. Erst kürzlich wurde in das anthropologische Institut meiner Fakultät eingebrochen und Daten von Tätern und Opfern gelöscht. Bei den Verbrechern muss es sich um Insider handeln, da sowohl Zugang zum Gebäude, als auch zu den Daten auf den Computern bestand. Der Prozess der Aufarbeitung ist langwierig. Amerika21 meldet erst kürzlich:

Laut einer Studie der uruguayischen Beobachtungsstelle Luz Ibarburu sind von
361 dokumentierten Fällen von Verschwundenen und Ermordeten während der Diktatur (1973-1985) erst in 97 Gerichtsverfahren durchgeführt worden.

Die Angehörigen kämpfen unermüdlich gegen die Strafbefreiung der verantwortlichen Militärs.

Anwesend!

Die Geschichte klingt für Deutsche unangenehm vertraut. So geht es auch dem Journalisten und Wahlmontevideaner Albrecht Girle, als er vor knapp zehn Jahren in der uruguayischen Hauptstadt an seinem ersten Schweigemarsch für die Verschwundenen teilnimmt. Als schließlich die Namen eines jeden einzelnen vermissten Familienmitgliedes vorgelesen werden und die zuvor stumme Menschenmenge wie aus einer Kehle ruft „presente!“, „anwesend!“, fährt ihm ein kalter Schauer über den Rücken und es entsteht ein Foto von Amalia, das ihn über eine Dekade nicht mehr loslässt.

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Esperándote – eine Fotoausstellung der besonderen Art

Albrecht findet seine ganz eigene Geschichte in Amalias Suche wieder. Sein Vater wurde von den Nationalsozialisten in den Krieg eingezogen und kehrte nie zurück. Der kleine Junge fährt mit dem Fahrrad durch das völlig zerbombte Berlin der Nachkriegszeit und sucht vergeblich nach seinem Papa. Auch heute noch hat Albrecht deshalb Empathie für die uruguayischen Familien, denen es geht, wie es ihm damals erging. Und so begleitet er Amalia all die Jahre mit seiner Kamera. Das Ergebnis ist eine ergreifende, politische und sehr persönliche Fotoausstellung in der Casa Bertolt Brecht, die rege besucht wird und einen Beitrag leistet gegen das Vergessen. Ich bin dankbar dafür, den Prozess ein kleines Stück weit begleitet und dabei die wunderbare Amalia mit ihrer charmanten Familie kennengelernt haben zu dürfen.

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