Der Gaucho und das Vaterland

Vom Messerstecher zum Nationalhelden

Hoch in den Himmel recken rudernd zwei mächtige Hufe. Der wuchtige Pferdekörper steht nun aufrecht bis in den letzten Wirbel und verschafft den geblendeten Augen des Publikums eine wohltuende Pause von den Strahlen der untergehenden Sonne. Für einen kurzen Augenblick scheint der stolze Gaucho, der bis eben noch auf dem Rücken sitzend hohen Sprüngen, bedrohlichen Tritten und hektischen Geschwindigkeitswechseln des ausschlagenden Tieres getrotzt hatte, in der Luft stillzustehen.

Die Meister des Rodeo

Irgendwie jedoch schafft er das physikalisch eigentlich Unmögliche und klammert sich mit den Stiefelspitzen an den Flanken des Hengstes. Ross wie Reiter entsinnen sich der Schwerkraft. Der Gaucho findet galant in seine Sitzposition zurück, ehe das Pferd losgallopiert. Nun nähern sich von beiden Seiten weitere Gauchos, die den Hengst zur Ruhe bringen und ihren Kollegen erlösen. Die Menge gröhlt und applaudiert. Aus sperrigen Lautsprechern tönt knisternd die Stimme zweier Kommentatoren, die das Schauspiel vergnügt analysieren. Zum wiederholten Male rezitieren sie Verse gauchesker Poesie und stimmen einen euphorischen Gesang an.

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Ein Fest für alle

Von März bis April finden in Uruguay mit den Fiestas de la Patria Gaucha (also Feiern der Gaucho-Nation) im Inland und der Semana Criolla (Woche der Kreolen) in Montevideo die wichtigsten Feste zu Ehren der Gauchos statt. Sie sind ein Spektakel für die ganze Familie. Rund um die ausverkauften Rodeos sind wie bei einem Jahrmarkt über einen ganzen Park verteilt Verkaufsstände, Ausstellungen, Fressbuden, Kunsthandwerk und Bühnen mit Live-Musik aufgebaut. An jeder zweiten Ecke riecht es nach gebrannten Mandeln oder Chúrros. Ein besonderer Fokus liegt auf den Kleinbauern, die Werbung machen für den Kauf regionaler Produkte: Lederwaren, Messer, traditionelle Kleidung, Liköre, Honig, Marmeladen und vieles mehr.

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Typisch Gaucho

Unter den Besucherinnen und Besuchern hat sich gefühlt jede*r fünfte traditionell gauchesk in Schale geschmissen. Insbesondere eine Kopfbedeckung wie der Lederhut oder die ausladende Baskenmütze, ein Gürtel mit Brosche und Ziermesser, ein Halstuch sowie die typische bombacha (weite Reiterhose) dürfen nicht fehlen. Matebecher und Thermoskannen sind selbstverständlich ebenso omnipräsent und vereinzelte Stände – das gibt es wohl auch nur in Uruguay – bieten heißes Wasser zum Verkauf. Immerhin waren es die Gauchos, die als Nachfahren europäischer und indigener Eltern mit den Indigenen des Landes rege im Kontakt standen und so die Yerba Mate gesamtgesellschaftlich salonfähig machten. Woher aber kommt diese Affinität zum Cowboy des Río de la Plata?

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Achtung Wissenschaft!

Um diese Frage zu beantworten, habe ich mich – Premiere – dazu entschieden, hier einen stark komprimierten und sprachlich vereinfachten Auszug aus einer meiner Hausarbeiten zu veröffentlichen. Die Arbeit ist innerhalb von Regionalstudien zu Lateinamerika aus einer stark ethnologisch beziehungsweise sozial- und kulturanthropologischen Sicht heraus geschrieben. Wer bis ans Ende des Textes scrollt, gelangt zu einer Zusammenfassung.

Descanso_ Juan Manuel Blanes

Die Rolle des kostumbristischen Romans

In den Staaten des Río de la Plata Gebietes, vornehmlich Uruguay und Argentinien, schufen Schriftsteller im 19. Jahrhundert nach Vorlage kostumbristischer Romane aus Spanien das Genre der „Gaucholiteratur“. Zu den wohl berühmtesten gehören El gaucho Martín Fierro von José Hernández  und Don Segundo Sombra von Ricardo Güiraldes. Indem das raue Leben der Viehhirten, ihr Alltag in der Pampa beschrieben wurde, gelangte eine eigene nationale Komponente in das Schriftgut.

Duelo Criollo_Pedro Figari
Duelo Criollo – Pedro Figari

Der Wandel des Gaucho-Begriffs durch die Gaucho-Literatur

Der Begriff des Gaucho findet ab Ende des 18. Jahrhunderts Verwendung, ist jedoch etymologisch nicht oder nur sehr schwer herzuleiten. Verschiedenste Thesen sehen den Wortursprung in diversen indigenen oder dialektalen Ausdrücken. Außer Frage steht jedoch, dass der Begriff ursprünglich mit durchgehend negativen Konnotation belegt ist. Das Bild des Gauchos ist zunächst wild, gewalttätig, diebisch, unzuverlässig und faul (Windus 2005: 50).
Erst durch die anwachsende Volksdichtung, die von umherwandernden Sängern oder Barden vorgetragen wurde und der daraus entstehenden, oben besagten Gaucho-Literatur, wird der Gaucho-Begriff aufgewertet. Urbane Schriftsteller stellen den Viehhirten ins Zentrum ihrer Geschichten. Gleichzeitig erlangte er Anerkennung in der Gesellschaft durch seine erfolgreiche Partizipation beziehungsweise Intervention innerhalb der Unabhängigkeitskriege. Damit wird es für viele Schriftsteller, wie zum Beispiel den uruguayischen Autor Bartolomé Hidalgo, der als einer der Begründer der Gaucho-Gattung zählt, indem er zuvor bestehende, populäre Liebespoesie in politische Literatur umwandelt, zu einem konkreten Anliegen, den Gaucho vom „Vorwurf der Barbarei zu befreien“ und ihn stattdessen zum Bestandteil der angestrebten nationalen Identität zu machen (Stachowski 2009: 15).

Crepúsculo_Juan Manuel Blanes Aurora_ Juan Manuel Blanes

Die Rolle der Rosas Diktatur (Argentinien 1835-1852) für das Genre der gauchesken Literatur

Es ist die Kritik von Schriftstellern wie Ascasubi oder Mármol an der Diktatur Juan Manuel de Rosas, die den Gaucho erneut stilisieren. Diesmal als desillusionierten, leidenden Soldaten und ökonomisch-juristisch erzwungenen Unterstützer des Tyrannen Rosas, der schließlich desertiert und die Freiheit des selbstbestimmten Lebens in der Pampa wählt: I abandoned the tyrant, | and now I’m with the Orientals, | and a free gaucho I’ll be“ (Ascasubi in Ludmer 2002: 148)
Die Realität zu jener Zeit war jedoch durchaus komplexer als das politisch-poetische Konstrukt der Schriftsteller. Bereits im Zuge der Mairevolution taten sich Gauchos im Kampf gegen die Spanier als patriotische, verwegene und sehr fähige Soldaten hervor. Ihre Kenntnisse des Landes und die Adaptionsfähigkeit in der „Wildnis“ prädestinierten sie dazu, die neuen Grenzen des Landes zu schützen, was ihnen große Anerkennung in der Bevölkerung einbrachte (Corbiere 1998: 52 ff.).
Nach der Mairevolution kam es zu Abspaltungen aus dem Territorialbestand des ehemaligen Vizekönigreichs „Río de la Plata“. Paraguay erlangte zuerst, 1811, dann 1814 Uruguay und 1825 Bolivien ihre Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeitserklärung Argentiniens folgte schließlich am 9. Juli 1816.

La revista de Santos. Juan Manuel Blanes
La revista de Santos – J. M. Blanes
Baqueano de los 33 Orientales_Juan Manuel Blanes
Baqueano de los 33 Orientales – J.M. Blanes

Unitarier versus Föderalisten

Es entstand eine wachsende Anarchie, in der sich zwei antagonistische Strömungen bildeten: Zum einen die Unitarier, die monarchistische und elitäre Ideale verfolgten und eine Zentralregierung des Landes anstrebten und zum anderen die Föderalisten, bei denen sich sich die niedrigen Bevölkerungsschichten aus den Provinzen vereinten und gemeinsam für eine Autonomie der Provinzen eintraten (Nouzeilles 2002: 44-65, Lewis 2014: 33-50).

Welche Seite wählten die Gauchos?

Die Gauchos stellte der Föderalismus vor eine Zerreißprobe angesichts der aufkommenden Bürgerkriege: Einerseits schlossen sich eine Vielzahl von Gauchos, wie die Rosas-Gegner postulierten, den unitarischen Truppen an, andererseits waren Gauchos als peones (Tagelöhner) gesellschaftlich marginalisiert und suchten Rückhalt bei eben jenen caudillos (militärischer, autoritärer Führer, oft Willkürherrschaft) wie Rosas selbst einer war, die es zudem verstanden, sich auf eine Stufe mit den Gauchos zu stellen (Ludmer 2002: 148).
Diesen Faktor verstärkte, dass sich viele, in Abgrenzung zur Herkunft der Indigenen, mit der Seite der caudillos auch kulturell und emotional identifizieren konnten: „The caudillo’s sociability with gauchos, and the mutual ties that arose from that experience, generated one of the fundamental components of the client-patron relation: an emotional attachment“ (Ariel de la Fuente 2000: 105).

Los Dos Caminos_ Juan Manuel Blanes

Der Gaucho wird Nationalsymbol

Nach Assmanns Definition bedarf es für die Nationenbildung einer gemeinsamen Kultur, die kollektive Identität schafft beziehungsweise beinhaltet. Diese Kultur speist sich aus „gemeinsame[n] Wissen und Gedächtnis, welches durch eine gemeinsame Sprache bzw. durch ein gemeinsames ´Symbolsystem´ bewusst gemacht wird. Dieses Symbolsystem umfasst Riten, Tänze, Bräuche und andere kollektive Symbole und Zeichen“ (Stachowski 2009: 16ff.). Der Gaucho als Konstrukt sowie die gaucheske Litratur mit ihren Elementen des Alltäglichen, des Tanzes, der Lieder etc. fällt unter diesen Begriff, weil sie ein kollektives Gedächtnis schaffen. Oder einfacher gesagt, die Selbstbilder, die die Schriftsteller im 19. und 20. Jahrhundert mit prägen, bilden also die Grundlage einer Kultur der gemeinsamen Erinnerung. Heute gehören dazu nicht nur Bücher, sondern auch Filme oder eben die eingangs erwähnten Gaucho-Feste.

Migration und Identität

Die 1880er Jahre sind der Beginn einer großen europäischen Einwanderungswelle. Die diversen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und demographischen Veränderungen für die Länder wirken sich auch in starker Weise auf das Selbstverständnis der Intellektuellen aus, die vor die große Herausforderung gestellt werden, eine nationale beziehungsweise kulturelle Identität in einem Schmelztigel der Nationen herauszubilden.
Dabei dienen unter anderem die zuvor normativ geächteten mündlichen Ausdrucksformen des Gauchos im literarischen Text (Berg und Schäffauer 2002: 273 f.). Die Immigration beeinflusste Ende des 19. Jahrhunderts dann nicht zuletzt auch die ökonomische Rolle der Gauchos, die unter anderem zunehmend mit Landarbeitern konkurrieren mussten und vermehrt verdrängt wurden.

Der Gaucho heute und seine äußerlichen Merkmale

Wie bereits an vorherigen Stellen gezeigt, ist der Gaucho aufgrund seiner Geschichte fester Bestandteil der  kulturellen Identität des Río de la Plata. Als konstruiertes Nationalsymbol ist er tief in der Gesellschaft verwurzelt und wird nicht nur in der modernen Literatur stetig reproduziert und mit neuem Sinn belegt, sondern findet sich ebenso im Theater, in Kinofilmen, beim Fußball und selbst als Namensgeber für Steakhäuser weltweit wieder.
Zur Tracht des Gaucho, die pilcha genannt wird, gehören traditionell Sporen an einfachen Stiefeln aus Rinderleder, ein poncho, sein Messer el facón, eine kurze Reitgerte oder Peitsche, weite Hosen, genannt bombachas, ein oftmals verzierter Gürtel beziehungsweise eine Schärpe, die windelartige chirripá und als Kopfbedenkung ein chambergo.

Tomando Mate_ Juan Manuel Blanes

Zusammenfassung – der Gaucho als Nationalsymbol des Río de la Plata

Die Schriftsteller des Río de la Plata stellten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts politische Führungspersönlichkeiten und einflussreiche Leute, die nicht zuletzt auch für die Migrationspolitik des Landes verantwortlich waren, durch die sich die Gesellschaft so sehr wandelte. Die ökonomische wie ideelle Entscheidung, auf europäische Einwanderer zurückzugreifen, ermöglichte schließlich die Bildung von Nationalstaaten nach westlichem Vorbild; die anfänglich unsichere und positivistische  Grundeinstellung führte bald zum Infragestellen des Charakteristischen und Eigenen. Für die Ausbildung einer eigenen kollektiven Identität und das Erschaffen eines eigenen kulturellen Gedächtnisses, etwa in Form einheitlicher Schulbildung, brauchte es nationale Mythen und Identifikationsfiguren. Der Gaucho eignete sich hierfür hervorragend, nachdem man die Geschichte idealisiert und umgeschrieben hatte. Er wurde als Symbol immer wieder mit neuen Eigenschaften belegt, die sich am einfachsten mit einer Umschreibung vom gaucho malo als verpönten Kriminellen, den die Elite anfänglich verleumden wollte, hin zum romantisierten Idealtypus des wahren Uruguays und Argentiniens beschreiben kann.

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