Casa Bertolt Brecht

Austausch der Kulturen

Eingangs hatte ich erwähnt, dass ich für meine Zeit in Montevideo vorerst bei Albrecht in der Ciudad Vieja eine neue Bleibe gefunden habe. Der Kontakt kam zustande durch Albrechts aufopferungsvolles Engagement in der Casa Bertold Brecht, in dessen Zuge er vor einigen Jahren meine Lateinamerikanistik-Professorin Mijal Gandelsmann-Trier kennenlernte, die mich wiederum in Hamburg herzlich auf ihre alten Freunde verwies. Inzwischen habe ich einige Menschen aus dem Kreis der ehrenamtlich Tätigen kennenlernen dürfen. Von ihrem Tatendrang, ihrer Fähigkeit, sich zu vernetzen, aber auch von ihren Geschichten bin ich tief beeindruckt.

Bertolt-Brecht

Profil der Casa Bertold Brecht

Die Vereinigung selbst wurde im Jahr 1964 als zivilgesellschaftliche, non-profitable Assoziation gegründet. Seither fördert die Casa Bertold Brecht, ganz im Sinne ihres Namensgebers, öffentliche Bildung, engagiert sich politisch für soziale und ökologische Belange und bietet einen Raum für künstlerischen sowie artistischen Ausdruck. Außerdem bietet das Brecht staatlich anerkannte Sprachkurse an und setzt sich insbesondere für den interkulturellen Austausch zwischen Deutschland und Uruguay ein.

Ernesto und „Das Rübchen“

Ebenfalls über das Brecht lernte ich darüber hinaus Eva Weil und Thomas Rübens kennen, die (größtenteils) in Montevideo leben und beide jeweils über eine besondere, ihnen nahestehende Person mit der Stadt und dem Projekt verbunden sind:

Evas inzwischen verstorbener Ehemann Ernesto Kroch war als Jugendlicher im kommunistischen Widerstand gegen die Nazis aktiv. Als er 1934 beim Verteilen von Flugblättern geschnappt wird, hat er das „Glück“, wie er es selber ausdrückte, als politischer Gegner und nicht aufgrund seiner jüdischen Abstammung inhaftiert zu werden. Er kommt für achtzehn Monate in das Konzentrationslager Lichtenburg, von wo aus er 1937 über Osteuropa nach Uruguay auswandern kann. Im Exil, das gleichzeitig seine neue Heimat ist, arbeitet er als Metallarbeiter, engagiert sich weiter politisch, ist Mitbegründer der Casa Bertolt Brecht und widmet sich unter anderem der Schriftstellerei. Als es Anfang der 1970er Jahre jedoch zum Militärputsch in Uruguay kommt, muss er erneut fliehen. Asyl findet er ausgerechnet in Deutschland. Mitte der 80er kehrt er zurück nach Uruguay, wo er in Montevideo zum Ehrenbürger ernannt wird. Bis zu seinem Tod 2012 tourt er immer wieder durch Deutschland, erzählt aus seiner hoch interessanten Vita und liest aus seinen Büchern. Seine Biographie „Exil in der Heimat | Heimat im Exil„, erschienen im Assoziation A Verlag Hamburg, ist in voller Länge als PDF auf seiner Website zugänglich.

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Thomas Mutter Annemarie Rübens kommt als Deutsch-Argentinierin früh mit der Familie nach Deutschland. Sie studiert Theologie und setzt sich in den 1930er Jahren intensiv sowohl für die Öffnung des evangelischen Pfarramtes gegenüber Frauen als auch gegen den Judenhass ein. Als Sozialistin, Sozialdemokratin und mit ihren öffentlichen Forderungen wird die politische Luft unter der Naziherrschaft gefährlich dünn. Sie wird aus ihrem Vikariat entlassen und wandert über die Niederlande nach Uruguay aus. Dort errichtet sie auf einer Chacra, einem kleinen Bauernhof, das ihr verstorbener Bruder ihr vererbt hatte, ein Heim für Kinder von geflüchteten und verfolgten Personen. Während der Militärdiktatur öffnet Annemarie Rüben, die von ihren Freunden liebevoll „Rübchen“ genannt wird, das Heim erneut, diesmal für Kinder inhaftierter Oppositioneller. Sie gerät selbst erneut auf die rote Liste und kehrt diesmal nicht nach Uruguay zurück. Bis heute gibt es viele ihrer ehemaligen Schützlinge, die ihr Andenken in Dankbarkeit wahren. In Montevideo trägt ein hochmoderner Reformkindergarten ihren Namen, der nicht nur ein revolutionäres pädagogisches Konzept verfolgt, sondern zugleich finanziell schwache Familien ganzheitlich unterstützt. Eva und Ernesto haben zu ihrem symbolischen 100. Geburtstag eine schöne Festschrift für die Informationsstelle Lateinamerika verfasst.

 

Beitragsbilder: CC BY-SA 3.0 DE – Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg, ila.de, http://www.ernesto-kroch.com

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