1. Mai in Uruguay: Das Foto meines Lebens

Als ich plötzlich den Präsidenten vor der Linse hatte

Alle Geschäfte sind verriegelt und verrammelt, die Straßen sind gespenstisch Leer. Es gibt nicht viele Tage, die den Uruguayern und ihrem laizistischen Staat heilig sind, der 1. Mai jedoch hat einen hohen Stellenwert. Nahe der Altstadt ertönt vor einem Geschäft eine Kakophonie der Gebrauchsgegenstände; Kartons, umgedrehte Kanister, Eimer, Flaschen, alles was Krach macht wird zum Instrument umfunktioniert. Eine Firma hatte ihre Angestellten angeordnet, ungeachtet des politischen Datums Schichten einzuteilen, die Belegschaft reagiert geschlossen mit einem Protestkonzert vor der Filiale.

1. Mai im Sonnenschein

Vergeblich versuche ich am Morgen eine Bäckerei zu finden. Die Sonne ist die einzige, die ihrer Arbeit heute nachgeht, zum ersten mal in dieser Woche strahlt sie hell. Wie bestellt für die kräftigen Rottöne der Flaggen und Banderolen. Viele Tausend Menschen haben sich auf der programmatisch benannten Plaza 1o de Mayo vor dem Palacio Legislativo eingefunden. Obwohl in Montevideo kein Bus und kein Taxi fährt, organisieren die Leute aus den weiter entfernten Vierteln und teilweise sogar aus dem Inland Mitfahrgelegenheiten.

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Der 1. Mai historisch

Nach Uruguay schwappte die Welle der Protest- und Arbeitsrechtsbewegung im 19. Jahrhundert vor allem durch die zahlreichen europäischen Migrantinnen und Migranten, die in Montevideo ebenso wie in Chicago in 16-Stunden-Schichten schufteten. Keine Versicherung, keine Rente, kein Arbeitsschutz, Streikverbot, Kinderarbeit, desaströse hygienische Bewegungen. Staatliche Sozialreformen griffen im zweitkleinsten Land Südamerikas dann mit Beginn des 20. Jahrhunderts.

Breite Themenpalette zum Jubiläum

2016 feiern die Gewerkschaften fünfzigjähriges Jubiläum ihres Dachverbandes. Die Vorsitzenden halten flammende Reden, die weit ins Regierungsviertel hinein schallen. Zur Debatte stehen unter anderem die geringen Grundeinkommen, hohe Verbraucherpreise, die ökonomische Situation des Landes und die dritte Legislaturperiode des breiten Linksbündnisses Frente Amplio. Aber auch häusliche Gewalt, Sexismus und die verheerenden Auswirkungen des Tornados in Dolores im April stehen auf der Tagesordnung.

Ich bin überrascht, als Daniel Diverio, Vorsitzender der Baugewerkschaft, Stellung bezieht zur Einführung eines radikalen Urhebergesetzes in Uruguay. Der Entwurf sieht im Grunde vor, dass die Verfielfältigung geistigen Eigentums im schulischen und akademischen Kontext keiner Genehmigung mehr bedarf. Lehrbücher etwa dürften dann von Studierenden jederzeit kopiert werden.

„Wir respektieren das Recht des Autors, aber wir müssen Konditionen schaffen, damit die jungen Leute die benötigten Informationen bekommen […] es muss ein Gesetz herrschen, das das Wissen demokratisiert“.

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#NoalGolpe

Als Ehrengäste sind die Kommission für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, die Zentralgewerkschaft Kubas und Angehörige von während der Diktatur Verschwundenen eingeladen. Ein Sonderthema genießt dabei auch visuell eine starke Präsenz an diesem Tag, der versuchte Staatsstreich in Brasilien. Überall hängen Zeichen der Solidarität und Banner mit der Aufschrift #NoalGolpe (#NeinzumPutsch). Auf der Bühne adressiert eine junge Brasilianerin vor laufenden Kameras den selbsternannten Interimspräsidenten Temer persönlich. Im Publikum wehen Brasilienflaggen, die Reaktionen sind emotional.

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Ein Foto vom ärmsten Präsidenten der Welt

Während ich eintauche in die bunte Menschenmasse, mit Tunnelblick durch das kleine Sichtfenster meiner Kamera auf der Suche nach Motiven im regen Treiben, kneift mich eine tellergroße Hand in die Schulter. „Haben Sie Ihren Presseausweis dabei?“ Vollkommen überrumpelt von der Frage bejahe ich reflexartig. Meine Gedanken überschlagen sich. „Habe ich überhaupt einen Presseausweis? Warum habe ich so schnell geantwortet? Wo kam das her? Hätte ich ohne Erlaubnis keine Fotos machen dürfen?“

Erst jetzt hebe ich meinen Blick von der Kamera und nehme den zwei Meter großen Fragesteller wahr. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich den muskulösen Mann angelogen habe. Die blaue Weste mit der Aufschrift „Sicherheit“ ist so klein für seinen Körper, dass sie ihm bloß bis kurz vor den Bauchnabel reicht. Der Anblick ist drollig, aber mir ist nicht zum Albern zumute. „Und, wo ist der?“, fragt der Hühne mit gutem Recht. „Im Auto“, spricht der Wahnwitz aus mir, aber ohne jedes Recht dazu. Fakt ist, würde ich nun zu Albrechts  Auto begleitet, könnte ich aus meinem Geldbeutel allenfalls eine abgelaufene Plastikkarte des NDR  mit dem Aufdruck „studentische Aushilfe“ hervorbringen. Innerlich stürze ich in ein tiefes Loch.

„OK“.
„OK? Was ist OK?“, frage ich mich.
„OK“, wiederholt der Mann und gestikuliert energisch in Richtung Bühne.

Ein Adrenalinkick

Für mich ist es ein unwirklicher Moment, als ich plötzlich auf der Stelle stehe, wo bis eben noch José (Pepe) Mujica und seine Frau Lucía Topolansky gesprochen haben. Die zwei haben in der ersten Reihe auf Plastikstühlen platzgenommen. „Deutsche Presse, nur ein Foto“, ruft mir der Sicherheitsbeamte noch hinterher und schon blicke ich erst dem Präsidentenpaar, dann gefühlt der gesamten uruguayischen Bevölkerung ins Gesicht. Und für einen kurzen Moment, vielleicht den Bruchteil einer Sekunde, sind jetzt alle Augenpaare auf mich gerichtet.

Es ist nur ein Foto, ich brauche bloß abdrücken, aber mein Körper ist wie gelähmt. Wieder taumeln die Gedanken. „Das könnte das wichtigste Foto deiner Karriere als angehender Journalist werden“, sagt die Fatalistik. „Wenndet ordentlisch anjehs, kriegste in Zukunft  vielleischt och nen rischtjen Presseausweiß, wa?“, sagt der Schalk. Wieso spricht der Berlinerisch? Egal.

Ich atme tief durch und knipse verhalten in die Menge. Diese hat sich längst wieder der vom Monolog angeschlagenen Stimme des Gewerkschaftsführers gewidmet. „Ich hätte Pepe von nahem fotografieren sollen“, sinniere ich schon, während ich noch von der Bühne geleitet werde. „Gar nicht so einfach, unter Adrenalin einen Schnappschuss zu machen. So müssen sich die Profis fühlen. Ein atemberaubendes Gefühl, wenn alle Aufmerksamkeit plötzlich auf dir liegt und es auf einen einzigen Handgriff ankommt“.

1. Mai in Uruguay
Beinahe von der Gebärdensprachedolmetscherin verdeckt, erkennt das geübte Auge aus der Ferne sofort ein von der Sonne geblendetes Präsidentenpaar im vorderen, unteren Bildrand – welch ein Schnappschuss!

Ein 1. Mai in Frieden und Solidarität

Dieser 1. Mai, dieser internationale Tag der Arbeiterinnen und Arbeiter wird mir in vielerlei Hinsicht auf alle Zeit in Erinnerung bleiben. Vor allem aber hat mich die rege und friedliche Beteiligung  begeistert. Solidarische Großveranstaltungen wie diese, bei denen der politische Diskurs im Vordergrund steht, sind selten geworden im 21. Jahrhundert.

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